Kühlschrank oder Gefriertruhe: Wohin mit den Energiereserven?

 

 

 

Dr. Jason Fung erklärt, warum die Kalorien-Hypothese das Problem beim Abnehmen nicht erfassen kann. Er findet ein anschauliches Beispiel. Unser Körper hat zwei Möglichkeiten, Energie aus der Nahrung zu speichern.

 


Dr. Jason Fung

Dr. Fung arbeitet im Team Diet Doctor mit Dr. Andreas Eenfeldt. Gemeinsam sind sie bestrebt, Low Carb High Fat verständlich zu erklären, damit Menschen in der Lage sind, diese Ernährung in ihren  Alltag einzubauen. Hier geht es um die Frage, warum wir mit Kaloriensparen nicht weiterkommen und warum die meisten Menschen beim Abnehmen scheitern (müssen).

Einer der größten Fehler der Hypothese „Kalorien rein /Kalorien raus“ ist die Behauptung, dass der Körper für seine Energiespeicherung nur eine einzige Möglichkeit kennt. Man beurteilt die gesamte Nahrung allein auf Grund ihres Gehalts an Kalorien und des Brennwerts. Nicht verbrauchte Kalorien (Kalorien rein) werden als Energiereserven gespeichert. In der Folge nützt der Körper diese Energie für Grundumsatz und Bewegung (Kalorien raus).

Nach diesen Vorstellungen wäre die gesamte Energie in einem einzigen „Body“ gespeichert. Dieses Modell ist jedoch ein viel zu einfaches Denkgebilde. Es existiert nur in der fiebrigen Phantasie der Kalorien Befürworter. Die Energie aus Nahrung kommt auf zwei Arten zur Speicherung, als Glykogen und Körperfett.

 

Daher ist schon das Modell falsch, bei Kalorienaufnahme oder Verbrennung anzusetzen. Körperenergie, die als Fett gespeichert wurde, wird dadurch außer Acht gelassen. Die Aufforderung „Iss weniger, beweg dich mehr“, mit ihrer Kalorienreduktion hat leider eine Erfolgsquote von nur 1% oder eine Misserfolgs Rate von rund 99%. Schließlich hat es fast jeder von uns bereits einmal versucht. Es funktioniert einfach nicht. Eine Studie nach der anderen bestätigt die Sinnlosigkeit dieser Empfehlung, die auf einem falschen Verständnis der Physiologie beruht. Das hat bisher noch nicht dazu geführt, dass die zahlreichen medizinischen und ernährungswissenschaftlichen Autoritäten die Scharfsinnigkeit ihrer Empfehlungen in Frage stellten.

Protein und Kohlenhydrate haben eines gemeinsam: sie werden zu Glukose

Um besser zu verstehen, wie Energie im Körper gespeichert wird, ist es zutreffender ein Zwei-Kammer-Modell zu verwenden. Unser Körper kann Energie aus drei Quellen verwerten – Glukose (Kohlenhydrate), Fett oder Protein. Protein kann nicht auf direktem Weg zur Energieerzeugung herangezogen werden. Nur überschüssiges Protein, das nicht zum Zellaufbau verwendet wird, kann zu Glukose umgebaut werden. Wann Überschuss herrscht, ist individuell zu beantworten.

Aus Glukose wird Körperfett

Somit bleiben nur zwei molekulare Nährstoffe übrig, die bei der Energiespeicherung eine Rolle spielen: Glukose und Fett.

Glukose (Traubenzucker) wird in der Leber in ihrer Speicherform als Glykogen gelagert – ein Molekül, das aus zusammengesetztem Zucker besteht. Tiere (und Menschen) verwandeln Kohlenhydrate in Glukose und speichern diese als Glykogen, Pflanzen verwandeln Kohlenhydrate in Stärke – und speichern diese als Amylopektin und Amylose.

Die Speicherform des Zuckers heißt also Glykogen. Es ist für den Körper gut verfügbar. Der Körper kann es gut speichern und auch rasch wieder zur Energiegewinnung in Glukose rückverwandeln. Die Speicherkapazität für Glykogen ist allerdings begrenzt. Daher kann es sein, dass Glukose im Blut verbleibt. Ist die Schwelle für die Speicherung von Glukose als Glykogen überschritten, muss der Körper die Glukose als Fett speichern.

Glykogen in den Kühlschrank - Fett in die Gefriertruhe

Denken wir beim Glykogen an einen Kühlschrank. Es ist einfach den Kühlschrank mit Essen zu füllen und zu leeren, aber der Platz zum Speichern ist begrenzt.

 

Körperfett ist viel schwerer zugänglich, dafür kann man aber unbegrenzte Mengen davon speichern. Nahrungsfett wird direkt in die Fettspeicher des Körpers eingefügt. Größere Mengen Kohlenhydrate werden zu Fett umgewandelt (De Novo Lipogenese, DNL). Stellen wir uns vor, das Körperfett wäre im Gefrierschrank eingelagert und dieser stünde in einem Kellerabteil – man kann im Gefrierschrank große Mengen von Lebensmitteln aufbewahren, aber durch den Auftauprozess ist es vergleichsweise mühsamer an sie heranzukommen. Wenn nötig, kann man mehrere Gefriertruhen beladen.

 

Bildhaft gezeigt, verfügt unser Körper über zwei verschiedene Vorratskammern für Nahrungsenergie mit zwei unterschiedlichen Aufgaben. Wir verfügen über eine Kammer für Glukose /Glykogen, das einfach in Energie umgewandelt werden kann, aber als Vorrat begrenzt ist. Wir verfügen auch über eine Kammer für Körperfett, das schwerer in Energie umgewandelt werden kann, aber unbegrenzt vorrätig ist. Zwei sich ergänzende Systeme mit zwei unterschiedlichen Aufgaben.

Die Grafik zeigt, dass nur zu Beginn des Fastens Kohlenhydrate (rot) und Protein (blau) verbrannt werden. Ab einem Tag werden vermehrt Ketone (Fettkörper, grün) zur Energiegewinnung herangezogen.

Beim Essen verwandelt der Körper Energie in Fett oder in Glukose. Beim Fasten nützt der Körper gespeicherte Energie, entweder aus Fett oder Glukose. Aber er verbraucht nicht die gleiche Menge von diesen beiden, wie es im fiktiven Einkammer -Modell beschrieben wird. Zuerst wird ausschließlich Glykogen aufgebraucht – dies kann bei reinem Fasten 24 – 48 Stunden dauern.

 

Hinter allem steht das Hormon Insulin

Logischerweise ist es für den Körper viel leichter, auf die Glykogenspeicher zurück zugreifen. Dazu ein praktisches Beispiel. Lebensmittel verwahren wir nach dem Einkauf zuerst im Kühlschrank. Erst wenn dieser voll ist, überlegen wir, was in der Gefriertruhe Platz hat. Wenn man nach Essen greift, denkt man einfachheitshalber zuerst an den Kühlschrank. Der Körper funktioniert auf dieselbe Weise. Er hat es leichter an Glukose/Glykogen heranzukommen, die somit zuerst verbraucht wird.

 

Erst wenn fast das gesamte Glykogen aufgebraucht wurde, wendet sich der Körper seinen Fettreserven zu. Wenn der Kühlschrank leer ist, macht man sich auf den Weg in den kalten Keller und bedient sich aus dem Gefrierschrank. Wenn du 200 Kalorien für einen Spaziergang benötigst, nimmst du das ausschließlich vom Glykogen, ohne dass irgendein Fett verbrannt wird.

 

Die zwei Energiekammern kommen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander, zur Entleerung. Man muss zuerst den Kühlschrank leeren, ehe man das Essen im Gefrierschrank antasten kann.  Im Wesentlichen kann der Körper entweder Zucker oder Fett verbrennen, nicht aber beides gleichzeitig. Die Steuerung dieses Vorgangs erfolgt durch das Insulin. Es ist bereits 1963 von Philip Randle erforscht und als Glukose-Fettsäuren Kreislauf (Randle cycle) beschrieben worden.

Warum funktioniert das Kalorienmodell nicht?

Warum kann man mit dem Kalorienmodell kein Gewicht verlieren? Weil es auf der unrichtigen Annahme aufbaut, dass alle Kalorien gleich sind. Wenn man Nahrungsenergie speichert (Kalorien), wird der Zucker (Glykogen) im Kühlschrank und das Fett im Gefrierschrank gespeichert. Aber der Mensch muss zuerst den Zucker verbrennen, ehe er auf das Fett zugreifen kann.

 

Wer Körperfett verlieren will, muss als ersten Schritt den Zucker aus dem Kühlschrank entfernen. Wird aber der Kühlschrank regelmäßig 3- bis 6-mal am Tag mit Zucker gefüllt, bleibt das Fett im Gefrierschrank liegen. Das Kaloriendenken ignoriert das Problem mit den zwei Kammern und behauptet, dass alle Kalorien gleich gespeichert und gleich verbrannt werden (Einkammer-System), obwohl das schon vor 50 Jahren als falsch erwiesen wurde. Die standardisierte kalorienreduzierte Ernährung mit 3 bis 6 Mahlzeiten täglich und einer relativ großen Menge Kohlenhydraten (50 – 60 %) passt zu diesem Modell.

 

Man könnte den Kühlschrank mit weniger Glukose füllen, damit er mit der Zeit leer wird. Dies geschieht aber nicht. Warum? Der Körper spürt, dass immer weniger Nahrung im Kühlschrank ist und wird unruhig. Er wird hungrig und möchte mehr essen. Wenn du ihn nicht wieder versorgst, fährt er den Stoffwechsel zurück und verbrennt weniger Energie.

 

Wie sieht die Lösung aus? Am besten wäre eine Low-Carb, High Fat (LCHF) Ernährung. Bei deutlicher Einschränkung der Kohlenhydrate leert sich die Glukose im Kühlschrank. Jetzt muss die ganze Energie, die verbrannt werden muss, vom Gefrierschrank mit dem Fett kommen. Dadurch wird das Zweikammerproblem wieder zu einem Einkammerproblem.

Zusätzlich kann man intermittierendes Fasten (IF) versuchen. Beim Fasten wird der gesamte im Kühlschrank gelagerte Zucker rasch verbrannt. Wird man hungrig? Eher ja. Wird der Hunger verdrängt ist der Körper gezwungen Fett als Energie zu verbrennen. Bald verschwindet der Hunger auf Grund von hormonellen Umstellungen und der Stoffwechsel wird wegen der kompensatorischen hormonellen Veränderungen durch Fasten nicht verlangsamt. Nach einigen Tagen wird also der Hunger unterdrückt – diesen Mechanismus kennen wir nicht, hat aber wahrscheinlich mit der Produktion von Ketonkörpern zu tun.

 

Grundsätzlich kann man Energie aus Zucker und Fett speichern. Im Zustand des Fastens kann man entweder Zucker oder Fett verbrennen, aber nicht beides gleichzeitig. Wenn man kontinuierlich dem Körper Zucker zuführt, wird er kein Fett verbrennen.

 

Das Fasten eröffnet einen sehr schnellen Weg zur Verbrennung von Fett. Es bietet eine Lösung für das Problem der zwei Kammern. Der Grund, warum die Kalorie Experten nie verstehen, warum ihr Modell nicht funktioniert, liegt darin, dass sie das fundamentale Problem mit den zwei Kammern nicht erkennen und es für ein Einkammersystem halten.

Nachsatz:

Insulin und Insulinresistenz

 

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Grafik: woldfitness.com/wp-content/uploads/2011/03/insulin-for-carson-city-hormone-blog.jpg

Es fehlt noch einen wichtigen Hinweis. Wie kann man Nahrungsenergie aus der Gefriertruhe beziehen, wenn die Truhe im Keller hinter Eisengittern und Verschlägen versperrt ist? Dann wird es sehr schwierig, das Fett los zu werden. Welches Hormon ist daran schuld?  Die Antwort lautet…. INSULIN (eigentlich ist Insulin die Antwort auf die meisten Fragen in diesem Blog).

 

Es ist gut bekannt, dass Insulin die Lipolyse (Fettabbau) verhindert. Das ist eine andere Beschreibung für das Stoppen der Fettverbrennung durch Insulin. Nun, das ist normal. Insulin wird vermehrt, wenn man isst, womit dem Körper signalisiert wird, zuerst die Energie aus dem aufgenommenen Essen zu verbrauchen und nicht das Fett aus dem Gefrierschrank zu holen

 

Wenn dazu kommt, dass eine Insulinresistenz wegen eines über lange Zeit hohen Insulinspiegels vorliegt, kann der Körper nicht mehr an das Fett in der Gefriertruhe heran kommen. Nicht einmal durch Senken der Kalorienaufnahme (Kalorienreduktion als Erstmaßnahme = weniger essen) ist der Körper in der Lage Fett zu verbrennen. Dies gleicht er durch Absenken des Kalorienverbrauchs aus, wodurch der basale Stoffwechsel sinkt.

 

Bei einem 8 Jährigen ist die Insulinresistenz minimal und das Fasteninsulin niedrig. Daher ist es noch einfach, an das Fett im Gefrierschrank heranzukommen. Es ist als stünde der Gefrierschrank direkt neben dem Kühlschrank. Kinderleicht. Wenn man in diesem Alter Kalorien reduziert, kann das der Körper leicht durch Fett aus dem Gefrierschrank kompensieren.

 

Übergewicht los zu werden hängt weitgehend davon ab, wie lange es schon andauert. Für Menschen mit einer langen zeitlichen Dauer von Übergewicht ist es viel mühsamer Gewicht zu verlieren oder es auf einem Plateau zu halten. In diesen Fällen ist meist eine hohe Insulinresistenz vorhanden, verursacht durch hohe Insulinspiegel in all den vergangenen Jahren.


Jason Fung

 

Übersetzt von Robert Schönauer

Neuerscheinung von Dr. Jason Fung zu diesem Thema

Dr. Jason Fung ist ein kanadischer Nephrologe und einer der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet des intermittierenden Fastens und LCHF, insbesondere bei der Behandlung von Diabetes. Mehr über diesen Wissenschaftler und Arzt finden Sie auf seinem Blog intensivedietarymanagement.com.

 

 

 

 

 

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