"Diabetiker mit Insulin behandeln, ist medizinischer Betrug": Dr. Fiona Godlee

Dr. Fiona Godlee, die erste weibliche Herausgeberin des ehrwürdigen und renommierten Britisch Medical Journal (BMJ), sitzt nicht in einem akademischer Elfenbeinturm. Sie führt einen Kreuzzug für medizinische Ethik. Dr. Godlee ist bekannt für ihre ungeschminkte Kritik an Regierungen wegen ihrer Untätigkeit, nimmt globale Pharmariesen aufs Korn, wie Roche und GlaxoSmithKline wegen unterschlagener Studiendaten, tritt furchtlos gegen die Korruption in der Wissenschaft auf und ist eine Verfechterin der patientenzentrierten Gesundheitsvorsorge. Im Rahmen der Verleihung des „BMJ South Asia Awards 2016“ in Indien, gab Godlee der Economic Times Antworten auf ein weites Feld von Fragen, von der Umweltverschmutzung bis zur Korruption in der Medizin und der Arbeit von BMJ im Land. Hier ein kurzer Auszug. (Bild: Economic Times)

 

Ihre neueste Forschung hat herausgefunden, dass die meisten Menschen in Indien, die an Diabetes Typ-2 leiden, von im Ausland hergestellten Insulin abhängig sind, das sehr teuer ist….

 

Da sind einige Dinge nicht in Ordnung. Patienten auf Insulin setzen wird maßgeblich durch die Industrie gepuscht, genauso wie durch Ärzte, die durch die Industrie beeinflusst werden.

 

Anstatt die Ursachen im Lebensstil zu suchen, wird direkt auf Insulin zugesteuert, das ist nicht die richtige Option. Das führt zu großen Schwierigkeiten, denn Insulin ist nicht ohne schädigende Folgen und in Indien sehr teuer. Ich finde, es ist ein medizinischer und industrieller Betrug. Patienten werden im Glauben gelassen, das sei die beste Medizin und sie müssen bezahlen oder den Tod in Kauf nehmen und eine sehr große Gruppe von Menschen ist dafür empfänglich.

 

Ich denke, wir müssen uns gegen diesen Druck, Menschen Insulin zu verabreichen wehren. Diabetes entwickelt sich in Indien gerade zu einer derartigen Epidemie, dass wir die Grundursachen aufzeigen müssen und dort das Geld hinlenken, anstatt Menschen mit Insulin zu behandeln.

 

Was sagen Sie zur Korruption in der Medizin?

 

Nocheinmal, das ist ein globales Phänomen, nicht nur ein indisches. Korruption in der Medizin gibt es in der ganzen Welt. Aber wenn wir ein System haben, in dem Ärzte besser bezahlt werden, je mehr sie behandeln, dann enden wir bei einem System, das dieses Verhalten belohnt.

Wenn dem so ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Ärzte mehr zu Operationen und Untersuchungen neigen. Rückflüsse fördern dieses Verhalten maßgeblich.

 

Andererseits ist es aber positiv, dass es in Indien Ärzte gibt, die sich dagegen wehren.
Aktivismus von Verbrauchern ist in Indien leider unbekannt. Aktionen von Konsumentengruppen hätten ein großes Potential, wenn wir sie nützen könnten.

Wir müssen erst die Bevölkerung aufklären, dass mehr nicht besser ist, mehr Medikamente können schlechter sein. Die Menschen müssen lernen Fragen zu stellen, Zweitmeinungen einholen und sich über die Vorteile einer Behandlung erkundigen.

 

Genau wie beim Umgang mit der Luftverschmutzung. Das Bewusstsein muss erst geschaffen werden. Harte Fragen müssen gestellt werden. Es ist ein kultureller Wandel erforderlich, damit Ärzte und Patienten mehr partnerschaftlich miteinander umgehen.

 

Im kanadischen Nachrichtenmagazin CBC News nimmt Fiona Godlee noch deutlicher zur Korruption in der medizinischen Wissenschaft Stellung.  Originalartikel vom April 2016

Die Herausgeberin des BMJ, Dr. Fiona Godlee, nimmt die Korruption in der Wissenschaft ins Visier.

Medizin und Wissenschaft liegen in den Händen von Menschen, unter ihnen wird es immer Schwindler geben, sagt die Herausgeberin des Journals.

 

Dr. Fiona Godlee, Herausgeberin des BMJ, demonstriert die geheimen Beziehungen der Pharmawirtschaft zu Wissenschaft und Forschung. Bild: cbc news.

 

Es ist seltsam, die Herausgeberin einer der wichtigsten Wissenschaftspublikationen mit einer Marionettenpuppe abgebildet zu sehen. Aber Dr. Fiona Godlee, Herausgeberin des BMJ, ist immer für Überraqschungen gut.

 

Die Puppe in ihrer Hand zeigt einen Arzt, der an den Schnüren der unsichtbaren Hand der pharmazeutischen Industrie hängt.

 

Godlee:

 Ich glaube, wir müssen die Dinge beim Namen nennen. Es gibt eine Korruption in der wissenschaftlichen Entwicklung“.

 

Godlee macht auf die unsichtbaren Mächte hinter der Wissenschaft und der Medizin aufmerksam. Sie spricht schonungslos über deren Auswirkungen.

 

 „Es gibt derzeit zunehmende Besorgnis über wissenschaftliches Fehlverhalten. Hunderte Papers mussten wegen gefälschter Daten aus dem wissenschaftlichen Verkehr gezogen werden, wegen Plagiaten oder einer Vielzahl anderer Gründe, die selten angegeben werden“.

 

 „Manchmal passiert auch ein ehrlicher, unabsichtlicher Fehler. Man kann annehmen, dass 70 Prozent der Ablehnungen auf irgendeine Art von wissenschaftlichem Fehlverhalten beruhen“.

 

 „Medizin und Wissenschaft wird von Menschen geprägt, daher wird es immer Schwindler geben“.„Es besteht kommerzieller Druck, Druck auf akademische Kreise und etwas anderes zu behaupten ist absurd. Wir brauchen unbedingt mehr Mechanismen, mehr Skepsis und viel mehr Bereitschaft alles zu hinterfragen“.

 

Dr. Godlee benützt deutliche Worte um auf  den übermäßigen Einsatz von Medikamenten hinzuweisen, sowie auf den Einfluss der Industrie auf Wissenschaftler, der sich auf die Art der Fragestellungen und deren Schlussfolgerungen auswirkt und letztendlich als „evidenzbasiert“ veröffentlicht wird.

 

 „Mein Job ist es nicht, beliebt zu sein, das ist mir völlig klar“, sagt sie in ihrem Büro im historischen Gebäude der British Medical Association im zentralen London.

 

 

Fettstudien mussten korrigiert werden

Als Herausgeberin einer der ältesten und einflussreichsten medizinischen Fachzeitschriften, führt Godlee verschiedene Kampagnen an, um die Art der Wissenschaftsvermittlung zu ändern. Unter anderem durch Veröffentlichung von Datensätzen zur Überprüfung durch andere Wissenschaftler und durch Neubewertung alter und vergessener Studien aus einem neuen Blickwinkel.

 

Ihr Einfluss zeigt bereits Wirkung im weiten Feld der wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

 

 

Gerade erst vorige Woche hat das BMJ die Resultate einer neuerlichen Überprüfung einer längst abgelegten klinischen Studie veröffentlicht, in der getestet wurde, ob eine Ernährung, reich an ungesättigten Ölen, Herz- und Kreislaufkrankheiten sowie Todesfälle reduzieren würde.

 

Die neuen Schlussfolgerungen? Pflanzenöl aus Mais konnte die Gesundheit keineswegs verbessern. Zusätzlich zeigten die Daten auch ein gesteigertes Sterberisiko durch den Konsum von Maisöl.

 

Vor zwei Jahren veröffentlichte das BMJ eine Analyse einer anderen verloren gegangenen Studie durch dasselbe Team. Nach Entdeckung der Datensätze in einer Kiste, aufbewahrt in einer alten Garage, kamen die Forscher zu ähnlichen Schlüssen über die Wirkung von sogenanntem „gesundem“ Öl auf die Gesundheit. 

 

 

„Die Zeit drängt“, sagt Godlee, „denn schlechte Wissenschaft kann gefährlich sein“.

 

„Patienten erleiden Schaden. Medikamente, die es nicht geben dürfte, sind verfügbar. Medikamente, die Schaden zufügen, werden verschrieben und solche Schäden sind den Patienten nicht bewusst. Medizinische Geräte, die nicht auf den Markt gehören, werden verkauft. Ja, wir wissen, dass Patienten Schaden erleiden und dass das Gesundheitssystem insgesamt als Resultat schlechter Wissenschaft beschädigt wird.“

 

Artikel bei CBC News von Kelly Crowe.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Günter (Montag, 28 November 2016 11:21)

    Danke für den Beitrag.
    Die Mafia lässt grüßen könnte man sagen, wenn man das liest.

    Zu: ".... gesteigertes Sterberisiko durch den Konsum von Maisöl."
    Hier dürfte wohl das schlechte Verhältnis von Omega 3 zu Omega 6 der Grund sein. Maiskeimöl hat ein Verhältnis von ca. 1:50 (Omega 3 zu Omega 6) Ein noch schlechteres Verhältnis haben noch Sonnenblumenöl oder Distelöl. Omega 6 wird im Körper zu entzündungsfördernden Stoffen verstoffwechselt. Wichtig ist das Verhältnis der beiden Fettsäuren.
    http://dgk.de/meldungen/pravention-und-anti-aging/omega-3-und-omega-6-fettsauren.html