Die Bezähmung der Blutfette. Was Sie über das Cholesterin wissen müssen.

Cholesterin ist ein großes Gesundheitsthema. Jeder hat es, jeder braucht es, viele fürchten sich vor der Diagnose „Hypercholesterinämie“. Nicht erst seit der Dokumentation auf ARTE (Cholesterin, der große Bluff vom 1.11.2016), von der hier berichtet wurde, beginnt das Umdenken. Seit einiger Zeit vermehren sich peinliche Veröffentlichungen, von denen man meinen könnte sie gehören ins Reich von Verschwörungstheorien.

 

Soeben erreicht uns eine Studie, die der Internetnachrichtendienst Medscape vor allem an Ärzte versendet. Danach stehen cholesterinsenkende Medikamente, genannt Statine, in Verbindung mit dem Ausbruch von Morbus Parkinson oder in Verdacht einzelne Krankheitsschübe zu begünstigen. Zur Warnung von Diabetes kommen nun auch Zusammenhänge mit neurodegenerativen Erkrankungen vermehrt ans Licht. Ab dem Jahr 2000 gelten für Medikamentenstudien immer genauere Vorschriften (der EU sei Dank!), wodurch der Heiligenschein der Statine verblasst. Vor allem unabhängige Studien aus öffentlichen Mitteln kommen zu kritischeren Ergebnissen, als ältere Studien, die die Pharmaindustrie ziemlich eigenmächtig gestalten konnte.

 

In dem folgenden Gastartikel beschreibt Dr. Jason Fung, der kanadische Facharzt für Nephrologie und Spezialist für intermittierendes Fasten, das derzeit gesicherte Wissen zum Thema Cholesterin und Blutfette und ob es möglich ist, diese durch Ernährung, eventuell auch durch intermittierendes Fasten,  in den Griff zu bekommen.

Fasten und das liebe Cholesterin.                          Gastartikel von Dr. Jason Fung

Kann man das Cholesterin auch ohne Medikamente senken? Was geschieht mit dem Cholesterin beim intermittierenden Fasten?

 

Hohes Cholesterin gilt als behandelbarer Risikofaktor für Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Infarkt oder Schlaganfall. Es gibt viele Nuancen zum Thema Cholesterin, auf die ich nicht eingehen möchte. Üblicherweise wird unterschieden zwischen Low Density Lipoprotein (LDL) oder ´schlechtem´ Cholesterin, und dem High Density Lipoprotein (HDL) oder ´gutem´ Cholesterin gemacht. Das Gesamtcholesterin liefert nur wenig nützliche Informationen.

 

Wir messen auch die Triglyzeride, eine Gruppe der Blutfette. Fett wird in Fettzellen in Form von Triglyzeriden gespeichert, fließt aber auch frei im Körper. Beim Fasten werden beispielsweise die Triglyzeride in freie Fettsäuren und Glycerin umgewandelt. Diese freien Fettsäuren werden Großteiles zur Energiegewinnung im Körper verwendet. Somit stellen Triglyzeride eine Art von gespeicherter Energie dar.

 

Anfangs der 1960er Jahre hat die ´Framingham Heart Study´ herausgefunden, dass hohes Blutcholesterin, genauso wie eine hohe Zahl von Triglyzeriden, mit Herzkrankheiten in Verbindung stehen. Dieser Zusammenhang ist zwar geringer als man allgemein erwartet, aber die Ergebnisse haben sich leicht verbessert, als man das LDL getrennt vom HDL betrachtete. Seitdem Cholesterin in atheromatösen Plaques, den Blockaden des Herzens, festgestellt wurde, hatte es intuitiv den Anschein, dass hohe Blutspiegel eine Rolle beim Verstopfen der Arterien spielen.

 

Daher stellte sich die Frage was das hohe Blutcholesterin verursacht. Der nächstliegende Gedanke war, dass große Mengen von Cholesterin mit der Nahrung aufgenommen, zu den hohen Blutspiegeln führen würden. Das wurde schon vor Jahrzehnten widerlegt. Man war fälschlicherweise auf die Idee kommen, dass eine verringerte Cholesterinaufnahme mit der Nahrung das Cholesterin im Blut senken würde. Aber 80% des Cholesterins in unserem Blut wird von der Leber erzeugt, wodurch die Verringerung von Nahrungscholesterin ziemlich bedeutungslos ist. Studien, die bis auf Ancel Key´s anfängliche `Seven Country Study´ zurückgehen, zeigen, wieviel Cholesterin wir auch zu uns nehmen, es hat sehr wenig damit zu tun, wieviel Cholesterin sich im Blut befindet. Was auch immer er falsch gemacht hat, in einem hatte er recht – Cholesterinverzehr hebt den Cholesterinspiegel im Blut nicht an. Seit den 1960er Jahren hat jede einzelne Studie diese Tatsache immer wieder aufs Neue bestätigt. Die Einnahme von Cholesterin erhöht den Blutspiegel nicht.

 

Es hat jedoch lange gedauert bis diese Information in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen ist. Die ´Dietary Guidelines for Americans´ (US-amerikanische Ernährungsempfehlungen), die alle 5 Jahre veröffentlicht werden, haben immer darauf bestanden, die Cholesterinaufnahme mit der Nahrung zu verringern, als ob das etwas verändern würde. Es tut sich nichts. Wenn das Cholesterin in der Nahrung den Blutspiegel nicht erhöht, was folgt daraus?

Fettarme Ernährung und Cholesterin

Als nächstes kam man auf die Idee, dass eine Verringerung von Nahrungsfett, insbesondere gesättigtes Fett, helfen könnte, das Cholesterin zu senken. Obwohl es sich schon längst als falsch erwiesen hat, wird dieser Gedankengang weiter verbreitet. In den 1960er Jahren wurde die ´Framingham Diet Study´ durchgeführt um nach einer Verbindung zwischen Nahrungsfett und Cholesterin zu suchen. Dies geschah in derselben Stadt Framingham, wo auch die berühmte Heart Study gemacht wurde. Jedoch sind alle Hinweise auf die Existenz dieser ´Framingham Diet Study´ abhandengekommen. Warum haben wir bis jetzt nichts davon gehört? Klar, die Ergebnisse dieser Studie zeigten keine Korrelation zwischen Nahrungsfett und Cholesterin. Da diese Ergebnisse mit dem herrschenden Zeitgeist kollidierten, wurden sie geheim gehalten und in keinem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Die Resultate wurden tabellarisch geordnet und im Bereich der Anmerkungen abgelegt. Dr. Michael Eades ist es gelungen eine Kopie dieses vergessenen Glanzstücks zu finden und beschrieb auf seinem Blogg diese peinliche und gleichzeitige unverschämte Handlungsweise.

Während weniger Jahrzehnte kamen auch andere Studien zum selben Resultat. Die ´Tecumseh Studie´ verglich Blut-Cholesterinspiegel mit Nahrungsfett und Cholesterin. Ob die Blutspiegel hoch oder niedrig waren, eine Gruppe eher viel oder wenig Fett, tierisches Fett, gesättigtes Fett oder Cholesterin gegessen hatte, es fanden sich keine Auswirkungen auf steigende oder sinkende Blutspiegel. Die Aufnahme von Fett und Cholesterin mit der Nahrung hat nur wenig Einfluss auf den Cholesteringehalt im Blut.

 

In einigen Studien konnte eine extreme fettarme Ernährung das LDL (schlechtes Cholesterin) geringfügig senken, was aber auch zum Senken des HDL (gutes Cholesterin) geführt hat. Somit ist es fraglich, ob es die Gesundheit allgemein verbessert hatte. Andere Studien zeigen keine derartige Senkung. Wie beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 1995, bei der 50 Personen eine Ernährung, bestehend aus 22% oder 39% Fett erhielten. Das Ausgangscholesterin betrug 173 mg/dl. Nach 50 Tagen der fettarmen Ernährung kippte es auf…. 173 mg./dl. - Autsch! Eine fette Ernährung erhöht das Cholesterin auch nicht richtig. Nach 50 Tagen fettreicher Ernährung stieg das Cholesterin unwesentlich auf 177 mg/dl.

 

Millionen von Menschen halten sich an eine fettarme oder cholesterinarme Ernährung, ohne zu realisieren, dass sich diese als wirkungslos herausgestellt hat. Ich muss mir das die ganze Zeit anhören. Wenn jemand erfährt, sein Cholesterin sei hoch, kommt meist die Antwort: „wie soll ich das verstehen, ich habe doch alle fetten Speisen gestrichen“. Schade, das Reduzieren von Nahrungsfett wird das Cholesterin nicht verändern. Wir wissen das schon seit vielen Jahren. Im besten Fall kommt es zu marginalen Veränderungen.

Ja, was kann man dann noch machen? Vielleicht doch Statine einnehmen? Fragen wir den amerikanischen Schriftsteller Mark Twain.

 „Ein klein bisschen Hunger kann tatsächlich mehr für die meisten kranken Menschen bewirken als die besten Medikamente und die besten Ärzte“ – Mark Twain.

 

Studien zeigen, dass fasten eine einfache Ernährungsstrategie ist, die den Cholesterinspiegel deutlich senken kann.

 

Es gibt viele Kontroversen zum Thema Fett, in die ich nicht verwickelt werden will. Es gibt zum Beispiel viele Details über die Größe der Partikeln und die Berechnung der Gesamtpartikel usw., die über den Rahmen dieser Diskussion hinausgehen. Ich beschränke mich in dieser Diskussion auf die klassischen Begriffe HDL / LDL/ und Triglyzeride.

HDL, das „gute“ Cholesterin

´Gutes´ Cholesterin (HDL) bietet Schutz, daher bildet niedrigeres HDL größeres Risiko für eine Herzkreislaufkrankheit. Dieser Zusammenhang ist von besonders großer Bedeutung, viel wichtiger noch, als alle Verkettungen rund um das LDL. Daher lassen wir uns zuerst auf das HDL ein.

 Wir können nur Zusammenhänge feststellen, und dabei HDL als Anhaltspunkt für eine mögliche Erkrankung in Betracht ziehen. Medikamente, die das HDL anheben, schützen nicht vor Herzkrankheiten, genauso wenig wie ein Haarausfall jünger macht.

 

Vor einigen Jahren ließ Pfizer Milliarden von Dollar in die Entwicklung eines Medikaments namens Torcetrapib (ein CETO Inhibitor) strömen. Dieses Medikament hatte die Fähigkeit, das HDL signifikant zu erhöhen. Wenn ein niedriges HDL für Herzattacken verantwortlich wäre, müsste dieses Mittel doch Leben retten. Pfizer war sich völlig sicher und setzte Millionen Dollar ein um die Wirksamkeit des Medikaments zu beweisen.

 

Die Studien waren fertig. Und die Resultate waren atemberaubend. Aber atemberaubend schlecht. Das Medikament erhöhte die Todesrate um 25%. Ja, es vernichtete Menschen links und rechts des Weges wie einst der amerikanische Massenmörder Ted Bundy in den 1970er Jahren. Zahlreiche andere Medikamente derselben Wirkungsklasse wurden erprobt und brachten denselben tödlichen Effekt. Nur eine weitere Illustration der Tatsache: „Korrelation ist nicht Kausalität“.

 

Nichtsdestotrotz gilt das HDL als Anhaltspunkt für Krankheiten, genauso wie Fieber meist auf eine Infektion hinweist. Wenn das HDL sinkt kann es ein Hinweis sein, dass sich die Situation allgemein verschlechtert. Was geschieht mit dem HDL beim Fasten? Man kann in der Grafik erkennen, dass alternatives Fasten (ein Tag essen, ein Tag fasten) einen minimalen Einfluss auf den HDL Spiegel hat. Es gab einen leichten Rückgang beim HDL.

Triglyzeride

Die Geschichte mit den Triglyzeriden ist ähnlich. TGs sind Marker von Krankheiten, aber nicht die Verursacher. Niacin ist ein Medikament, das das  HDL erhöht und die TG senkt ohne viel Wirkung auf das LDL zu haben.

 Die AIM HIGH Study überprüfte, ob Niacin Vorteile bei Herzkreislaufkrankheiten brächte. Die Resultate waren dramatisch. Aber erneut dramatisch schlecht. Sie nahmen zwar keinem Menschen das Leben, aber sie halfen niemandem. Dazu kamen zahlreiche Nebenwirkungen. Triglyzeride, ebenso wie HDL, sind nur ein Hinweis auf zugrunde liegende Erkrankung, nicht die Ursache derselben.

 

Was geschieht mit den TGs beim Fasten? Es gibt einen enormen Anstieg bei den TG Spiegeln (gut) beim alternativen täglichen Fasten. Tatsächlich reagieren die Triglyzerid Spiegel sehr sensibel auf die Ernährung. Aber wiederum ist nicht die Reduktion von Nahrungsfett oder Cholesterin förderlich. Vielmehr scheint sich die Reduktion von Kohlenhydraten als Hauptfaktor auf die Reduzierung der TG auszuwirken.

 

LDL, das „böse“ Cholesterin.

Die Geschichte um das LDL ist noch viel strittiger. Die Statine senken das LDL Cholesterin ziemlich deutlich und  verringern damit Herzkreislaufkrankheiten bei Patienten mit hohem Risiko. Aber diese Medikamente haben andere Wirkungen, oft bezeichnet als ´pleiotropic effects´ (therapeutisch relevante indirekte Wirkungen) auf multiple Systeme, wie sich durch das Absinken des CRP Werts, einem Entzündungsmarker, zeigt.  Ist jetzt die Cholesterinsenkung oder die therapeutisch relevante indirekte Wirkung (pleiotropic effect) verantwortlich für den Nutzen?

 

Das ist eine gute Frage, auf die ich noch keine Antwort geben kann. Eine Möglichkeit wäre, das LDL mit einem anderen Medikament zu senken und zu beobachten ob es ähnliche kardiovaskuläre Vorteile brächte. Das Medikament Ezetimibe zeigte in der IMPROVE-IT Studie einige Vorteile bei Herzkreislaufkrankheiten, aber diese waren extrem schwach ausgeprägt. Um ehrlich zu sein, die LDL Senkung fiel bescheiden aus.        

 Eine neue Klasse von Medikamenten, genannt die PCSK9 Inhibitoren, wirkt deutlicher auf die Senkung des LDL. Die Frage ist nur, ob damit ein tatsächlicher Nutzen bei Herzkreislaufkrankheiten verbunden ist. Erste Indikationen verliefen eher positiv. Aber das ist weit entfernt von gesichert. Die Möglichkeit, dass das dem LDL eine kausale Rolle zukommt, ist vorhanden. Aus diesen und ähnlichen Gründen sind Ärzte so sehr um ein niedriges LDL besorgt.

 

Was geschieht mit dem LDL beim Fasten? Gut, es sinkt. Deutlich. Beim täglich alternativen Fasten kam es im Zeitraum von 70 Tagen zu einer 25 % Reduktion des LDL (sehr gut). Um auf der sicheren Seite zu sein, Medikamente können es um 50 % und mehr senken, aber diese einfache Ernährungsmaßnahme hat fast die halbe Wirkung eines der stärksten Medikamente, das derzeit zur Verfügung steht.

 In Kombination mit der Reduktion von Körpergewicht, der Erhaltung von fettfreier Muskelmasse und verringertem Bauchumfang, besteht Klarheit, dass das Fasten einige deutliche Verbesserungen bezüglich Risiken von Herzkreislaufkrankheiten hervorruft. Nicht vergessen, dazu gehören niedrigeres LDL, weniger Triglyzeride und Erhaltung des HDL-Spiegels.

 

Warum aber zeigt das Fasten Wirkung, während reguläre Diäten versagen? Einfach gesagt, durch Fasten wechselt der Körper bei der Energiegewinnung von der Zuckerverbrennung auf Fettverbrennung. Freie Fettsäuren (FFA) kommen mit Sauerstoff in Verbindung (Oxidation) und die Herstellung dieser FFAs wird gehemmt (der Körper verbrennt gespeichertes Fett ohne neues zu erzeugen). Das Absinken der Synthese von Triglyzeriden  führt zu einem Sinken der Ausschüttung von VLDL (Very Low Density Lipoprotein) in der Leber, was niedrigeres LDL zur Folge hat.

 

Um das LDL zu senken muss man den Körper dahin zu bringen, es zu verbrennen. Der Fehler der fettarmen Ernährung liegt darin, den Körper mit Zucker anstatt mit Fett zu ernähren.  Dadurch verbrennt der Körper kein Fett, er lässt nur Zuckerverbrennung zu. Der Fehler der Low-Carb, High-Fat Ernährung kann darin liegen – wenn man dem Körper viel Fett gibt, verbrennt er zwar Fett, aber er verbrennt nur was ins System hineinkommt (Nahrungsfett). Er wird somit das eingelagerte Fett nicht loslassen.

 Fasten hat folgende Wirkungen:

  1. Gewichtsreduktion
  2. Erhalt der fettarmen Muskelmasse
  3. Verringerung des Bauchumfangs
  4. Geringer Einfluss auf das HDL
  5. Dramatische Reduktion der Triglyzeride
  6. Dramatische Reduktion des LDL

 Dies schafft gute Voraussetzungen. Aber ich habe keine eindeutige Antwort, ob das auf kardiale Endpunkte übertragbar ist. Meine Vermutung lautet JA.

 

Immerhin läuft das Fasten darauf hinaus. Es besitzt alle Vorzüge in diese Richtung. Mit äußerst geringem Risiko. Was kann man schon verlieren (außer einigen Kilos)?

 

Für Menschen, die sich Sorgen über Herzattacken oder Schlaganfall machen, sollte die Frage nicht „Warum fastest du?“ heißen, sondern „Warum fastest du nicht?“

 


Jason Fung

 

Übersetzung aus dem Englischen von Robert Schönauer

Originaltext unter www.dietdoctor.com

 

Demnächst mehr über:

Intermittent Fasting for Beginners

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