Das Kaloriendebakel

Gastartikel von Dr. Jason Fung

Iss nicht so viel, pass auf die Kalorien auf. Schau auf die Portionsgröße. In den letzten 50 Jahren war das die Basis für die üblichen Ratschläge zum Abnehmen. Das führte in eine totale Katastrophe, übertroffen vielleicht nur von der nuklearen Kernschmelze in Tschernobyl. Diese Empfehlungen beruhen zur Gänze auf einem falschen Verständnis über die Ursachen des Übergewichts.

Warum setzen wir uns nicht kritisch mit der Frage auseinander: „was verursacht Übergewicht“? Wir glauben, wir wüssten die vollständige Antwort. Alles scheint derart selbstverständlich, nicht wahr? Wir glauben, der übertriebene Genuss von Kalorien verursacht Gewichtsprobleme. Wir glauben, es handelt sich um ein kalorisches Ungleichgewicht. Zu viele Kalorien `rein´, und zu wenig Kalorien ´raus` sorgt für Übergewicht. Die Kalorienbalance als Modell für Übergewicht wurde uns von Kindheit an eingetrichtert.

 

Fettansammlung = Kalorien rein – Kalorien raus?

Dahinter steht die unausgesprochene Prämisse, dass unabhängige Variablen bewusst kontrollierbar wären. Völlig ignoriert wird, dass Hunger und Sättigung von mehreren sich überlappenden hormonellen Systemen geregelt werden. Diese Theorie geht auch davon aus, dass der Grundumsatz immer stabil und unveränderlich ist.

 

Diese Annahmen stimmen bekanntlich nicht. Die Stoffwechselrate kann nach oben und unten um 40 Prozent abweichen. Eine Kalorienrestriktion führt unweigerlich zu einer Senkung des Stoffwechsels und wird schlussendlich alle Bemühungen zum Abnehmen sabotieren.

 

In den letzten  50 Jahren haben wir das Programm zur Kalorienreduktion fraglos übernommen. Nahrungsfett, das reich an Kalorien ist, war einzuschränken. Wir gestalteten Lebensmittelratgeber, Lebensmittelpyramiden, und Tellermodelle und haben unsere Kinder mit dieser Theorie des Kalorienverzichts indoktriniert. „Weniger Kalorien“ war das tägliche Lied. „Iss nicht so viel, beweg dich mehr!“ skandierten wir im Chor.

 

Wie eine Schildkröte beim Überqueren einer Straße

Nährwertangaben wurden ausgearbeitet um Kalorien zu zählen. Programme und Apps wurden entwickelt um Kalorien noch genauer zu berechnen. Wir entwickelten handliche Geräte wie Fit-Bits um genau zu messen, wie viele Kalorien wir verbrennen. Wir haben unsere ganze Genialität, die uns zum Menschen macht, wie einen Laser Strahl auf das Kaloriensparen fokussiert, und sind dabei, stur wie eine Schildkröte eine Straße zu überqueren. Was kam dabei heraus? Hat sich das Problem Übergewicht einfach aufgelöst, wie ein Morgennebel an einem warmen Sommertag?

Das Ergebnis hätte bei diesem Versuch kaum schlimmer sein können. Die Welle von Übergewicht und Diabetes Typ-2 begann in den späten 1970er Jahren und heute, 40 Jahre später, wurde daraus ein weltweiter Hurrikane der Kategorie 5, der die gesamte Welt zu ertränken bedroht.

 

Was lief aus dem Ruder?

Nur zwei Möglichkeiten kommen als Erklärung in Frage, wie sich das Übergewicht so rasch ausbreiten konnte, angesichts dieser glanzvollen modernen Ratschläge zur Fett- und Kalorienreduktion. Es könnte ja sein, dass die Empfehlung zur Kalorienreduktion als Erstmaßnahme ganz einfach falsch ist. Die zweite Möglichkeit wäre, dass  diese Ratschläge gut sind, aber die Menschen sich nicht daran halten. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

 

Dieses Spiel trug den Namen „Opfer schäme dich“. Das schiebt die Verantwortung vom Berater (schlechte Ratschläge) weg, hin zum Empfänger (der Rat ist gut, aber du folgst nicht). War die gesamte Epidemie des Übergewichts einfach ein plötzlicher, gleichzeitiger, koordinierter, weltweiter Verlust an Willenskraft? In dieser Welt ist man sich nicht einmal einig, auf welcher Straßenseite die Autos fahren sollten. Haben wir alle diskussionslos beschlossen, mehr zu essen und uns weniger zu bewegen?

 

Wie ein Kamm für eine Glatze?

Die wissenschaftlich ungeprüften Empfehlungen zur Kalorienreduktion sind von Ärzten und Ernährungsexperten für unantastbar erklärt worden, womit die Schuld von ihnen auf die Opfer gelenkt wurde. Selbst sind sie ohne Fehl und Tadel. Du bist schuld. Kein Wunder, dass sie dieses Spiel lieben. Ein Eingeständnis, dass alle ihrer kostbaren Theorien des Übergewichts einfach nicht stimmten, war ihnen psychologisch zu heikel. Doch alle Evidenz zeigt deutlicher als je zuvor, dass die Strategie der Kalorienrestriktion ungefähr so nützlich war, wie ein Kamm für einen Mann mit Glatze.

 


Die Tabelle zeigt, weniger Essen und mehr Bewegung lässt nur am Beginn das Gewicht fallen. Nach 9 Monaten ist alles wieder beim Alten, wie die "Women`s Health Initiative" zeigt.

Die „Women´s Health Initiative“ ist die anspruchsvollste und bedeutendste Studie, die jemals zur Gewichtsreduktion gemacht wurde. Diese riesige randomisierte Studie mit 50 000 Frauen sollte den fett- und kalorienarmen Ansatz zur Gewichtsabnahme evaluieren. Durch intensive Beratung wurden die Frauen angehalten, die tägliche Kalorienmenge um 342 Kalorien zu verringern und körperliche Aktivitäten um 10 % zu steigern.

Die Kalorienberater erwarteten einen Gewichtsverlust von 16 Kilo nach einem Jahr. Diese Studie wurde gemacht um die vorhandenen Ernährungsratschläge zu bestätigen.

 

Doch als die Endresultate 2006 ausgewertet wurden, gab es nur herbe Enttäuschung. Trotz großer Bereitschaft zur Einhaltung der Vorgaben, ergab das Kalorienzählen in den 7 Jahren praktisch keinen Gewichtsverlust.

 

Nicht einmal ein einziges Pfund. Diese Studie war eine überwältigende und ernst zu nehmende Demolierung der Kalorientheorie bei Übergewicht. Kalorienreduktion führte nicht zum Abnehmen.

 

Damit blieben zwei Möglichkeiten zur Wahl. Wir können die aufwendige hart erarbeitete wissenschaftliche Evidenz respektieren und über die bestmögliche korrektere Theorie des Übergewichts nachdenken. Oder wir können auf allen unseren herkömmlichen vorgefassten Meinungen beharren und die Wissenschaft ignorieren. Die zweite Möglichkeit verlangt weit weniger Anstrengung und weit weniger Vorstellungskraft. Daher wurde diese bahnbrechende Studie weitgehend ignoriert und auf der Müllhalde der Ernährungsgeschichte entsorgt. Seither mussten wir den Preis für die Rattenfänger mit der Explosion der Zwillingsepidemie Übergewicht und Diabetes Typ-2 bezahlen.

 

Studien in der realen Welt bestätigen dieses entsetzliche Fiasko.  Herkömmliche Ernährungsmaßnahmen zur Behandlung von Übergewicht haben eine Fehlerquote von 99,4 %. Für krankhafte Fettsucht beträgt sie 99,9 %. Diese Statistik kommt für niemanden in der Ernährungsindustrie überraschend, auch nicht für jene, die schon einmal versucht haben abzunehmen.

 

Die „Kalorien rein - Kalorien raus Theorie“ hat eine weit verbreitete Akzeptanz erreicht, da sie auf einer scheinbaren intuitiven Wahrheit beruht. Wie bei einer verrottende Melone, tritt das faulige Innere zutage, wenn man die äußere Schale aufbricht. Diese vereinfachte Formel ist gespickt mit falschen Annahmen.

 

Warum kann das Zählen von Kalorien nicht funktionieren?

Die entscheidende Quelle des Irrtums besteht darin, dass eine Reduktion von `Kalorien rein´ auch zu einer Reduktion der Stoffwechselrate oder `Kalorien raus` führt. Eine 30%ige Reduktion der Kalorienaufnahme wird rasch beantwortet durch Absinken des Grundumsatzes um 30 %.  Als Nettoergebnis ergibt sich kein Gewichtsverlust.

 

Die andere gänzlich falsche Vermutung besteht darin, dass es möglich ist, das Gewicht bewusst zu regulieren. Aber kein System in unserem Körper ist vom Willen  derart unbeeinflussbar. Viele Systeme werden von Hormonen genau kontrolliert, auch Körpergewicht und Fetteinlagerung. Unser Körper besitzt sich vielfach überlappende Systeme zur Gewichtskontrolle. Körperfett, eines der wichtigsten Merkmale für das Überleben in der Wildnis, ist nicht einfach ein Ergebnis der Laune der Natur und auch nicht von alldem, was wir in den Mund stecken.

 

Die Hormone kontrollieren den Hunger, sagen unserem Körper wenn er essen soll und wenn er genug hat. Ghrelin ist ein wirksames Hormon, das Hunger verursacht, Cholecystokinin und das Peptid YY senden hormonelle Sättigungssignale, die uns sagen wann wir genug haben und zum Essen aufhören sollen.

 

Denk an dein letztes Buffet, bei dem du so viel essen durftest, wie du wolltest.  Du hast bereits etliche Happen verschlungen und bist jetzt total voll, über 100 %. Könntest du jetzt noch ein Schweinekotelett nachlegen? Allein der Gedanke daran erregt schon Übelkeit. Die Sättigungshormone erzeugen einen starken Druck um dich vom Essen abzuhalten. Im Gegensatz zu vielen populären Meinungen essen wir nicht immer, wenn Nahrung vorhanden ist. Die Einnahme von Kalorien steht unter strenger hormoneller Kontrolle.

Studien zeigen, dass Abnehmen zu einem anhaltenden Anstieg von Ghrelin führt, und dass sogar noch ein Jahr nach dem Abnehmen der Hunger steigt.

Vereinfacht interpretiert wäre der fehlende Wille Schuld. Tatsächlich hatten diese Patienten körperlich und messbar mehr Hunger.

 

Die Hormone regulieren also unseren Grundumsatz. Der Grundumsatz stellt das nötige Basisniveau an Energie zur Verfügung, um unseren Körper am Leben zu erhalten. Energie also, die gebraucht wird um Wärme zu erzeugen und unsere Organe, wie Herzmuskel, Lunge, Leber, Niere etc. zu versorgen. Das Einsparen von Kalorien reduziert den Grundumsatz bis zu 40 %, da der Körper auch beim Energieverbrauch spart. Absichtliche Überfütterung erhöht den Grundumsatz, da der Körper versucht die überschüssige Energie durch Verbrennen zu beseitigen.

 

Fettansammlung ist auch kein Problem von zu viel Energie. Es ist ein Problem der Verteilung der Energie. Zuviel Energie wird zur Fettproduktion umgeleitet und nicht zu gesteigerter Produktion von Körperwärme. Diese Energieverteilung wird hormonell kontrolliert. Zum Beispiel können wir nicht entscheiden, wie viel Energie für die Fetteinlagerung und wieviel für die Knochenbildung verwendet wird. Daher ist es entscheidend, die hormonellen Signale zu kontrollieren, Wir empfangen diese Signale durch die Art des Essens, nicht durch die Menge der Kalorien, die wir essen.

 

So lange wir fälschlicherweise glaubten, dass überschüssige Kalorien zu Übergewicht führen, war der Misserfolg eingeplant. Unter diesem Paradigma machen 500 Kalorien von Schokoladekuchen genauso dick wie 500 Kalorien von Krautsalat, eine wirklich lächerliche Vorstellung. Das Opfer an den Pranger zu stellen verlagert die Verantwortung für Übergewicht von einer hormonellen Störung zu moralischem Versagen. Diese Verlagerung der Verantwortung führte alle  stümperhaften Versuche der Gesundheitsexperten, die Epidemie des Übergewichts zu behandeln, ad absurdum.

 

Der Wille kann Hunger und  Grundumsatz nicht beeinflussen. Weniger essen kompensiert der Körper einfach durch Absenken des Grundumsatzes. Unterschiedliche Lebensmittel rufen unterschiedliche hormonelle Reaktionen hervor. Einige Lebensmittel machen mehr dick als andere. Kalorien sind nicht die zugrunde liegende Ursache der Gewichtszunahme. Daher ist es unmöglich mit Hilfe eine Reduktion der Kalorien das Gewicht zuverlässig zu senken.

 

Übergewicht entsteht durch ein hormonelles, nicht kalorisches Ungleichgewicht. Das hormonelle Problem wird hauptsächlich durch Insulin verursacht.


Jason Fung

Original: https://www.dietdoctor.com/the-calorie-debacle

Übersetzung ins Deutsche von Robert Schönauer

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