Steinzeitnahrung Thema bei europäischem Diabeteskongress

Die Paleo-Diät verbessert die Wirkung von Insulin und senkt den Medikamentenverbrauch.

 

 Jährlich findet der Kongress der „European Association for the Study of Diabetes (EASD)" statt. Bei diesem größten Diabetes-Event  Europas liefern Wissenschaftler ihre neuesten Ergebnisse über die Diabetesforschung ab. In diesem September trafen sich in München Tausende Ärzte, Diätologen, Gesundheitsverantwortliche und nicht zuletzt Vertreter von zahlreichen Pharmafirmen.

 

Auf der Tagesordnung stand diesmal ein ungewöhnliches Thema: Julia Otten, eine Wissenschaftlerin aus Umeå, Nordschweden, stellte die Steinzeitkost als Mittel gegen Diabetes vor.

In ihrem Statement behauptet Julia Otten vor den versammelten Experten, dass eine Ernährungsumstellung auf Low-Carb bei Diabetes Typ-2 geradezu Wunder wirken kann. Das Gewicht schmilzt genauso wie das Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen. Der Bedarf an Medikamenten sinkt, und im Anfangsstadium von Diabetes ist die Krankheit reversibel.

Ärzte müssen sich nun auch ganz offiziell damit auseinandersetzen, dass es neben den Medikamenten auch eine Ernährung gibt, die Diabetes vorbeugt und im besten Fall heilt. Nicht gerade zur großen Freude der Pharmakonzerne. Hier die Einleitung der Studie (deutsche Übersetzung von Robert Schönauer):

Effekte einer Paleoernährung mit körperlichen Aktivitäten auf Leberfett, Muskelfett und Insulinsensitivität

Otten, Julia

Umeå University, Faculty of Medicine, Department of Public Health and Clinical Medicine, Medicine. (Tommy Olsson)ORCID iD:

http://umu.diva-portal.org/smash/record.jsf?pid=diva2%3A1010255&dswid=-7364

2016 (English)Doctoral thesis, comprehensive summary (Other academic)

 

Krankheiten die durch Übergewicht verursacht werden, wie Diabetes Typ-2 und Herzkreislaufkrankheiten, können durch Lebensstiländerungen, wie Ernährung und Bewegung, entgegengewirkt werden. Unsere Vorfahren der Altsteinzeit (Paläolithikum) ernährten sich von Pflanzen, Obst, Beeren, magerem Fleisch, Fisch, Schalentieren, Nüssen und Eiern. Getreide-und Milchprodukte, sowie Hülsenfrüchte waren vor der landwirtschaftlichen Revolution kein signifikanter Teil ihrer Ernährung, genauso wenig wie der Zusatz von Zucker und Salz. Dazu kam noch, dass unsere Vorfahren körperlich wesentlich aktiver waren, verglichen mit dem Durchschnitt der westlichen Bevölkerung.

 

Zeitgenössische Jäger und Sammler, wie die Bewohner der Kitava Inseln und die grönländischen Inuit, die noch als Jäger und Sammler leben, ernähren sich ähnlich der paläolithischen Epoche. Sie haben eine auffallend niedrige Rate an kardiovaskulären Ereignissen. Daher besteht größtes Interesse an Studien über metabolische Effekte der Steinzeitkost, einmal mit und einmal ohne zusätzliche körperliche Aktivitäten.

 

Schlechte Insulinverwertung (Insulinresistenz) spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Typ-2 Diabetes und kardiovaskulären Krankheiten. Die Insulinsensitivität wurde dem derzeitigen Goldstandard entsprechend nach der Referenzmethode des hyperinsulinämischen euglycemischen clamp, durch Auswertung von Nüchternblut und dem oralen Glukose Toleranz Test ermittelt.

 

 In unseren Studien verbessere die Paleoernährung die Risikofaktoren für Herzkreislaufkrankheiten, wie Übergewicht, Insulinsensitivität, Leberfett, Triglyzeride und Blutdruck. Die Studie begleitete übergewichtigen Frauen nach der Menopause. Durch die Paleokost senkten alle Studienteilnehmer ihr Leberfett und die Triglyzeride signifikant deutlicher als durch die Einhaltung der Ernährungsempfehlungen der Gesundheitsbehörden. Nach sechs Monaten verringerte die Paleoernährung Körpergewicht, Leberfett und die Triglyzeride signifikant besser, als durch eine konventionelle fettarme Ernährung.  Das Befolgen der Paleokost nahm mit der Dauer der Studie ab und so kam es zwischen 6 und 24 Monaten bei den meisten kardiovaskulären Risikofaktoren zu einer gewissen Verschlechterung.

 

Bei Personen mit Diabetes Typ-2 verbesserte die Paleoernährung in 12 Wochen das Gewicht, Insulinsensitivität, HbA1c, Triglyzeride und Blutdruck. Es konnte nicht beobachtet werden, dass körperliches Training zusätzlich zur Paleoernährung die kardiovaskulären Risikofaktoren verbesserte. Die paläolithische Ernährungsintervention über 12 Wochen verringerten demnach das Fett in Muskeln und Leber, körperliches Training hingegen verschlechterte diesen Effekt.

 

Eine Paleokost hat deutliche Auswirkungen auf Fetteinlagerungen in Leber und Muskulatur, sowie auf die Insulinverwertbarkeit. Bei Patienten mit Diabetes Typ-2 wies der Fettgehalt von Leber und Muskelgewebe eine verminderte metabolische Flexibilität auf, was allerdings durch Ernährung und Bewegung verbessert werden kann.

Hier geht es zum Interview mit Julia Otten, veröffentlicht im Internetmagazin Medscape.

Noch fällt der Beitrag auf Medscape unter die Rubrik „Meinung“. Immerhin, dieser Meinung schließen sich massenweise Menschen an, die fernab der Ernährungsempfehlungen der Experten ihre Diabetesmedikamente verringern und sogar absetzen konnten.

Die junge Wissenschaftlerin hat zu ihrer eigenen Verwunderung festgestellt, dass körperliche Aktivitäten bei einer Paleo Ernährung keine zusätzliche Wirkung auf die  Reduktion von Fett in Muskeln und Leber bringt. Die richtige Ernährung war entscheidend. Und Kalorien wurden dabei nicht gezählt. Alle Teilnehmer konnten essen so viel sie wollten, wenn sie nur die Kohlenhydrate einschränkten. Zusätzlich fiel auf, dass einige Studienteilnehmer nach 6 bis 24 Monaten der Ernährungsumstellung wieder in ihr altes Essverhalten zurückgefallen sind. War es deshalb, weil für die Paleoernährung eine fettarme Variante ausgewählt wurde? Alle neuen Studien zur Paleokost zeigen, dass man Kohlenhydrate nicht durch Protein sondern durch Fett ersetzen soll. Die Fettangst dürfte auch in dieser Studie eine dauerhafte Veränderung des Lebensstils verhindert haben.

Medscape: Wie haben Sie diese Fragestellung untersucht?
Otten: Unsere Teilnehmer sollten sich alle gemäß der Paleo-Richtlinien ernähren. Die Hälfte von ihnen musste jedoch zusätzlich Sport treiben. Wir haben uns dabei für eine Trainingsform entschieden, bei der Kraft- und Ausdauertraining kombiniert werden, da vorangehende Studien nahegelegt haben, dass dies die günstigsten Effekte auf einen Diabetes mellitus hat.

Beide Gruppen wurden über einen Zeitraum von 12 Wochen beobachtet. In dieser Zeit wurde die Entwicklung von Körpergewicht, Muskel- und Leberfett gemessen.

 

Medscape: Hat sich die Insulinsensitivität erwartungsmäß verbessert?

Otten: Die Insulinsensitivität erhöhte sich sowohl in Muskel- als auch Fettgewebe – und zwar in beiden Gruppen, mit und ohne Training, in gleichem Ausmaß. Das hat uns schon sehr erstaunt, da wir eigentlich mit einem größeren Effekt für die Trainingsgruppe gerechnet haben.

Medscape: Gab es hinsichtlich des Fettgehalts Unterschiede?
Otten: Ja – aber wiederum nicht die, die wir erwartet haben. Zwar haben wir beobachtet, dass die Paleo-Diät den Fettgehalt von Muskulatur und Leber senken konnte, allerdings nicht in der Trainingsgruppe. Mit Sport und Paleo zeigten die Probanden denselben Fettgehalt wie vor Begin der Studie.

 

 Medscape: Was der aktuellen Studienlage ziemlich widerspricht. Wie erklären Sie sich dieses ungewöhnliche Ergebnis – hat Sport also keinen günstigen Effekt auf den Diabetes und seine Folgen?
Otten: Die Effekte auf den Fettgehalt in der Muskulatur kann man eigentlich gut erklären. Es handelt sich hierbei um das sogenannte Athleten-Paradox, das besagt, dass Sportler grundsätzlich mehr Fettgehalt in ihrer Muskulatur haben. Und das gilt eben nicht nur für jüngere Athelten, sondern auch für ältere mit Insulinresistenz.

Der Erklärung dafür ist, dass Fett in der Muskelzelle direkt zur Verbrennung zur Verfügung steht, wenn der Muskel Leistung erbringen muss. Während die Paleo-Diät nun den Fettgehalt im Muskel reduziert, steigert das Training den Fettgehalt gleichsam wieder. Am Ende kommt dabei ein Nulleffekt heraus, bei dem der Fettgehalt vor und nach Intervention unter dem Strich gleich bleibt.

Medscape: Gibt es für die unerwarteten Effekte in der Leber auch eine mögliche Erklärung?
Otten: Möglicherweise. Wenn man vor und direkt nach einer Trainingseinheit misst, stellt man fest, dass Training das Leberfett erhöht. Unsere Messungen erfolgten jedoch nicht direkt nach den Trainingssessions, sondern mindestens 2 Tage später. Nach unserer Interpretation ist es demnach sehr entscheidend, was in diesen 2 Tagen passiert ist – zum Beispiel, ob sich die Teilnehmer auch wirklich an die Paleo-Diät gehalten haben und wie viele Kalorien sie in diesem Zeitraum zu sich genommen haben. Eine Reduktion der Kalorienzufuhr senkt das Leberfett nämlich innerhalb weniger Tage.

 

Medscape: Das würde auch erklären, warum die Teilnehmer untereinander sehr unterschiedliche Fettgehalts-Werte erzielten?
Otten: Genau. Denn 2 Tage Kalorienrestriktion reichen schon aus, um ein Abnehmen des Leberfettes zu bewirken. Und da die Teilnehmer prinzipiell essen durften, so viel sie wollten – sofern sie sich an die Ernährungsvorschriften hielten – kann das Ergebnis dann sehr unterschiedlich ausfallen.

 

Medscape: Es gab also keine grundsätzliche Kalorienrestriktion?
Otten: Nein, gab es nicht. Da aber alle Teilnehmer insgesamt an Gewicht verloren haben, ist der logische Schluss, dass sie mit der Paleo-Diät eben doch weniger als vorher gegessen haben.

 

Medscape: Trotzdem ist die Studie nicht ausgegangen wie geplant. Letztlich war Ihre Hypothese, dass mit dem Sport der Fettgehalt noch stärker sinkt und die Insulinsensitivität noch stärker steigt. Was würden Sie bei einer Folge-Studie anders machen?
Otten: Wir müssen auf jeden Fall noch einiges analysieren. Eine Frage, die ich heute nach meinem Vortrag bekommen habe, ist, wie sehr sich die Teilnehmer an unsere Diätvorschriften gehalten haben. Bis jetzt haben wir das allein mit einem Diät-Tagebuch überprüft, in dem die Teilnehmer notieren sollten, was sie gegessen haben. Da ist natürlich ein recht unsicheres Maß, weil es sehr beeinflussbar ist. Deshalb werden wir jetzt Fettsäuren im Plasma und in der Erythrozytenmembran analysieren, um zu beruteilen, wie sich die Teilnehmer während der Studie ernährt haben.

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