Alzheimer vorbeugen ist leichter als man denkt

Die Wissenschaft wirft neues Licht auf die Ursachen des geistigen Verfalls. Bei der Prävention von Alzheimer kommt man an der Insulinresistenz nicht vorbei.

 

Sind Sie gegen etwas resistent? Etwa gegen Insulin? Wenn Sie das nicht wissen oder noch nie etwas darüber gehört haben, sind Sie in guter Gesellschaft.

 

Wenn Sie sich um Ihre geistige und körperliche Gesundheit sorgen, sollten Sie darüber Bescheid wissen. Die in Harvard ausgebildete Ärztin, Biologin und Wissenschaftlerin Dr. Georgia Ede erklärt in PsychologyToday neue Forschungsergebnisse über die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Alzheimer.

Posted Sep 07, 2016 in Psychologytoday. Übersetzung von Robert Schönauer.

Mehr über Dr. Georgia Ede am Ende dieses Artikels.

Dr. Georgia Ede, M.D.

Was bedeutet Insulinresistenz?

In den USA hat die Insulinresistenz epidemische Ausmaße erreicht: mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist bereits betroffen. Insulinresistenz ist ein hormoneller Zustand, der für Entzündungen und Wucherungen im ganzen Körper sorgt, den normalen Cholesterolhaushalt und Stoffwechsel stört und nach und nach die Fähigkeit Kohlenhydrate zu verarbeiten vernichtet.

Insulinresistenz stellt  ein hohes Risiko für zahlreiche unerwünschte Krankheiten dar, wie Übergewicht, Herzkrankheiten, Krebs und Diabetes Typ-2. Noch beunruhigender ist, dass Wissenschaftler jetzt erkennen, dass Insulinresistenz einen starken Einfluss auf die Entstehung der Alzheimer Krankheit ausübt.

Insulin ist ein stark wirkendes Stoffwechselhormon, das dafür sorgt, dass Zellen lebenswichtige Nährstoffe, einschließlich Zucker (Glukose), aufnehmen und verarbeiten.

Wie Insulinresistenz entsteht

Eine der Aufgaben des Insulin im Körper ist es, Muskel- und Fettzellen aufzusperren, damit sie Glukose aus dem Blut aufnehmen können. Wenn man etwas Süßes oder Stärkehaltiges isst, das den Blutzucker steigen lässt, setzt die Bauchspeicheldrüse Insulin frei um die überschüssige Glukose vom Blut in die Zellen zu lenken. Wenn der Blutzucker und das Insulin zu oft und zu hoch ansteigen, schützen sich die Zellen vor der Überbeanspruchung des stark wirkenden Insulins, indem sie ihre Reaktion auf Insulin  abmildern – sie werden „insulinresistent“. Im Bestreben, diese Resistenz zu überwinden, gibt  die Bauchspeicheldrüse noch mehr Insulin ins Blut ab und möchte  dadurch mehr Glukose in die Zellen einschleusen. Je mehr und öfter der Insulinspiegel ansteigt, desto eher werden die Zellen insulinresistent. Mit der Zeit kann dieser Teufelskreis zu einem ständig erhöhten Blutzuckerniveau, oder Diabetes Typ-2 führen.

Insulinresistenz im Gehirn

Im Gehirn spielt sich eine andere Geschichte ab. Das Gehirn ist ein Energie-Vielfraß, das dauernd Nachschub an Glukose fordert. Glukose kann ungehindert den Blutstrom verlassen, die Blut-Gehirn Barriere überspringen und auch in fast alle Gehirnzellen eindringen – ohne dass Insulin erforderlich wäre. Praktisch beträgt der Anteil der Glukose in der zerebrospinalen Flüssigkeit, die das Gehirn umschließt, immer ca. 60% des gesamten Glukosespiegels des Blutes im Kreislauf.  Da bei  Insulinresistenz der Blutzucker erhöht ist, steigt auch der Blutzucker im Gehirn entsprechend an.

Insulin verwandelt Glukose zu Gehirnschmalz

Dieser Anstieg des Zuckers erhöht das Insulin nicht. Denn je höher der Insulinspiegel im Blut, desto schwieriger ist es für das Insulin, in das Gehirn vor zu dringen. Rezeptoren, die das Insulin durch die Blut–Gehirn Schranke schleusen sollen, können auch resistent werden. Dann sprechen wir von einer Insulinresistenz, von der auch das Gehirn betroffen ist. Durch diese Insulinresistenz im Gehirn wird der Transport von Insulin gestört und Insulin ist nur in geringer Menge vorhanden.

 

Anders als Körperzellen benötigen die meisten Gehirnzellen kein Insulin um die Glukose aufzunehmen. Aber die Gehirnzellen benötigen Insulin um die Glukose zu verarbeiten. Zellen müssen mit einer angemessenen Menge Insulin versorgt werden, andererseits können sie die Glukose nicht in ihre vitalen zellulären Bestandteile zerlegen und in die notwendige Energie umwandeln, die sie zum Gedeihen benötigen würden.

Obwohl die Gehirnzellen in einem Meer von Glukose schwimmen, beginnen die Gehirnzellen von Menschen mit Insulinresistenz buchstäblich zu verhungern.


Insulinresistenz und Gedächtnis

Welche Gehirnzellen gehen zuerst zu Grunde? Der Hippocampus ist das Erinnerungszentrum des Körpers. Die Zellen des Hypocampus erfordern bei der Ausübung ihrer wichtigen Arbeit derart viel Energie, dass sie häufig zusätzliche Schübe von Glukose benötigen. Während Insulin nicht erforderlich ist, eine normale Menge von Glukose in den Hippocampus zu schleusen, wird für diese erhöhten Glukose-Schübe Insulin benötigt, was den Hippocampus besonders empfindlich für Insulindefizite macht. Dies erklärt, warum nachlassendes Gedächtnis möglicherweise ein erstes Zeichen von Alzheimer ist und beginnt das ganze Gehirn zu zerstören.

Ohne eine adäquate Menge Insulin hat die sensible Drüse Hippocampus mit der Aufzeichnung von Erinnerungen hart zu kämpfen und beginnt mit der Zeit zu schrumpfen und abzusterben. Folglich stellt eine Person Symptome einer „leichten kognitiven Einschränkung“ fest (Pre-Alzheimer). Die Schrumpfung des Hippocampus kann bereits über 10 % zugenommen haben.

Die Alzheimer Krankheit ist ein Diabetes Typ-3

Die wichtigsten Kennzeichen der Alzheimer Krankheit - neurofibrilläre Bündel, amyloide Plaque und Schwund von Gehirnzellen – können alle mit Insulinresistenz erklärt werden. Atemberaubende 80% der Menschen mit Alzheimer haben Insulinresistenz oder voll ausgeprägten Typ-2 Diabetes. Die Verbindung von Insulinresistenz und der Alzheimer Krankheit ist nunmehr so gesichert, dass in der Wissenschaft begonnen wurde, Alzheimer als Typ-3 Diabetes zu bezeichnen.

 

Das bedeutet nicht, dass Alzheimer ausschließlich von Diabetes verursacht wird – Demenz kann auch ohne Diabetes zuschlagen. Wir müssen genauer hinsehen und uns beide Entwicklungslinien vorstellen: Insulinresistenz in Körperzellen ist für Diabetes Typ-2 verantwortlich; Insulinresistenz im Gehirn lässt Diabetes Typ-3 entstehen. Das sind zwei getrennte Krankheitsbilder, verursacht von demselben zugrunde liegenden Problem: Insulinresistenz.

Bemerken Sie schon einen Alzheimer? Spaßhafte Sprüche oder bitterer Ernst?

Es mag überraschen, dass die Alzheimer Krankheit schon lange vor dem Auftreten von Symptomen beginnt. Die Zuckerverarbeitung im Gehirn stellt das eigentliche Problem dar. Die Insulinresistenz, die daraus folgt, wird „Glukose-Hypometabolismus“ genannt. Vereinfacht gesagt heißt das, dass die Gehirnzellen nicht über genügend Insulin verfügen, um Glukose auf Hochtouren zu verbrennen. Je mehr eine Insulinresistenz ausgeprägt ist, desto schwerfälliger funktioniert der Glukosestoffwechsel im Gehirn. Glukose-Hypometabolismus ist ein früher Marker eines Risikos für die Alzheimer Krankheit, der mittels speziellen bildgebenden Verfahren des Gehirns, sogenannten PET-Scans, visualisiert werden kann. Unter Einsatz dieser Technologie haben Wissenschaftler durch Studien an Menschen unterschiedlichen Alters erkannt, dass der Alzheimer Krankheit eine JAHRZEHNTE lange Verschlechterung des Glukose-Hypometabolismus vorausgeht.

 

Der Glukosemetabolismus im Gehirn kann um bereits 25% verringert sein, ohne dass irgendwelche Probleme mit der Erinnerung bemerkt werden. Als Psychiater spezialisiert auf die Betreuung von College Studenten, habe ich mich geschreckt, dass Forscher einen Glukose-Hypometabolismus bereits bei Frauen im Alter von 24 Jahren nachweisen konnten.

Eine große Hoffnung für die Zukunft

Bisher waren wir angesichts der Alzheimer Krankheit hilflos, von der es hieß, die wichtigsten Risikofaktoren für diesen verheerenden Zustand lägen außerhalb unserer Kontrolle: Alter, Gene und Familiengeschichte. Wir waren wie gelähmt und lebten in Angst – bis in die Gegenwart.

 

Die schlechte Nachricht:

Insulinresistenz ist so weit verbreitet, dass Sie diese bereits zu einem bestimmten Grad erworben haben.

Die gute Nachricht:

Insulinresistenz ist die wesentliche Ursache für die Alzheimer Krankheit und Sie können etwas dagegen tun.

Zu viele und zu oft schlechte Kohlenhydrate zu essen, bringt Blutzucker und Insulinspiegel zum Bersten, und setzt uns einem hohen Risiko für Insulinresistenz und Alzheimer aus. Unser Körper hat in seiner Entwicklung gelernt, mit Kohlenhydraten in kompletten Nahrungsquellen, wie Äpfel oder Süßkartoffeln, umzugehen, aber er ist einfach nicht dafür ausgestattet, mit modernen verarbeiteten Nahrungsmitteln, wie Mehlprodukte und Zucker, zurechtzukommen. Einfach gesagt, verarbeitete Kohlenhydrate verursachen Gehirnschäden.

 

Man kann nichts gegen seine Gene machen, egal wie alt man ist – aber man kann mit Sicherheit die Ernährung ändern. Es geht nicht um weniger Fett im Essen, weniger Fleisch, mehr Ballaststoffe oder mehr Obst und Gemüse. Entscheidend ist, die Menge und die Art der Kohlenhydrate, die man isst, entsprechend zu verändern.

Drei Schritte, mit denen Sie sofort Ihr Risiko für die Alzheimer Krankheit verringern können

1.      1. Finden Sie heraus, ob Sie insulinresistent sind.

Ihr Hausarzt kann abschätzen, wie es um Ihre Insulinresistenz bestellt ist. Dazu dienen einfache Bluttests für Glukose, Insulin, Triglyzeride und HDL Cholesterin, in Kombination mit anderen Informationen, wie Bauchumfang und Blutdruck. In meinem Artikel „How to Diagnose, Prevent and Treat Insulin Resistance, biete ich einen Test als PDF zum Download an, samt der Aufstellung gesunder Richtwerte als Grundlage für ein Gespräch mit Ihrem Arzt, sowie ein einfaches Formular, das dazu dient, die eigene Insulinresistenz einzuschätzen.

           2. Vermeiden Sie verarbeitete Kohlenhydrate wie die Pest.

Auch wenn Sie noch nichts von Insulinresistenz bemerkt haben, besteht ein großes Risiko, diese zu entwickeln. Werfen Sie alle verarbeiteten Kohlenhydrate, wie Backwerk, Fruchtsäfte und Müsli Riegel in den Müll. Auf dieser Seite finden Sie eine einfache Definition und eine Liste von verarbeiteten Lebensmitteln: http://www.diagnosisdiet.com/refined-carbohydrate-list/

              3. Wenn bei Ihnen bereits Insulinresistenz festgestellt wurde, achten Sie auf  Kohlenhydrate.

Leider müssen Menschen mit Insulinresistenz bei allen Kohlenhydraten vorsichtig sein, nicht nur bei den verarbeiteten. Ersetzen Sie die meisten Kohlenhydrate auf Ihrem Teller mit köstlichem gesunden Fett und Protein um Ihr Insulin-Signalsystem zu schützen. Eine Infografik über Schlüsselstrategien, die Sie brauchen um den Blutzucker und Insulinspiegel zu normalisieren, finden Sie hier:

Alles ist möglich - nix ist fix!

Sie können die Kontrolle über Ihre Insulinresistenz  ganz einfach zurück gewinnen – genauso wie über Ihre mentale Zukunft – indem Sie Ihre Essgewohnheiten ändern. Bei Versuchen mit insulinresistenten Menschen sprechen erstaunlich viele schnell auf Ernährungsumstellungen an – viele Menschen sehen innerhalb weniger Wochen auch dramatische Verbesserungen bei Blutzucker, Insulin und den Triglyzeriden.

 

Wenn Sie bereits Gedächtnisprobleme haben und der Meinung sind, es sei zu spät etwas dagegen zu tun, halten Sie inne und denken Sie nochmals nach! Eine Studie aus dem Jahr 2012 zeigte, dass eine kohlenhydratarme fettreiche Ernährung bei „leichten kognitiven Einschränkungen (Pre-Alzheimer Krankheit)“ in nur sechs Wochen das Gedächtnis verbessert.

 

Ja, es ist schwierig, verarbeitete Kohlenhydrate aus der Ernährung zu streichen – sie machen süchtig, sind billig, überall verfügbar und schmecken nicht schlecht – aber es ist zu schaffen. Es ist vor allem Ihre Ernährung, nicht Ihre DNA, welche Ihr Schicksal bestimmt. Sie müssen nicht wie gelähmt darauf warten, ob Alzheimer auch über Sie herfällt. Mit dieser Information bewaffnet können Sie sich gegen Alzheimer wappnen und einen großen, schönen Hypocampus antrainieren.

Eine Ärztin ändert ihr Leben: Eigene Erfahrung und wissenschaftliche Studien wiesen ihr den Weg

Dr. Georgia Ede, M.D.

Ab dem 40. Lebensjahr begannen sich bei Georgia Ede unerklärliche gesundheitliche Probleme einzustellen, wie chronische Müdigkeit, Fibromyalgie und Reizdarm. Sie probierte eine neue, den Empfehlungen völlig entgegengesetzte Ernährung, und war überrascht, was sich dadurch in Bewegung setzte.

 

Georgia Ede war nach ihrem Biologiestudium sieben Jahre in der Forschung im Bereich Biochemie, Wundbehandlung und Diabetes tätig. Hierauf legte sie den Doktor der Medizin ab, um die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie fortzusetzen. An der Harvard University Health Service war sie für Psychopharmakologie zuständig. Derzeit wirkt sie am Smith College in Northampton, Massachusetts im Bereich Ernährungsberatung und medizinische Betreuung der Studenten.

 

Sie wollte verstehen, warum die orthodoxen Ratschläge nicht nur bei ihr, sondern bei vielen Menschen derart wirkungslos blieben, ja sogar Schaden anrichten. Dank ihrer Ausbildung gelang ihr der Einstieg in die Forschung. Sie gab sich erst zufrieden als ihr die Unterschiede klar waren, zwischen ihrer revolutionären Ernährung, die ihre eigene Gesundheit wieder herstellte, und der weithin als gesund gepriesenen, fettarmen, faserreichen, pflanzenbasierten Kost. Sie kam zur Überzeugung, Ernährung folgt keiner verlässlichen Wissenschaft. Ernährungsratschläge geben erst Sinn, wenn man versteht, wie bestimmte Lebensmittel einzeln und aufeinander wirken.

Nunmehr publiziert sie auf ihrer Hompepage http://www.diagnosisdiet.com/ und in zahlreichen Medien ihre Erkenntnisse und Erfahrungen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Kathrin (Mittwoch, 19 Oktober 2016 21:41)

    grandioser Beitrag - Danke!!!