Fetter Schwindel: Die Wissenschaft hat sich an die Lebensmittelindustrie verkauft!

Es war wie eine Bombe, als Nina Teichholz am 23. November 2015 öffentlich die Frage stellte:

 

Ist der wissenschaftliche Bericht zu den  US Ernährungsrichtlinien wissenschaftlich? ("The scientific report guiding the US dietary guidelines: is it scientific?")

 

Die Frage an sich war schon länger in Diskussion und eigentlich nicht das Problem. Für Aufsehen sorgte, dass eines der bedeutendsten Wissenschaftsjournale, das British Medical Journal, das Thema aufgriff und Nina Teicholz das Wort erteilte.

 

Es dauerte nicht lange und die Reaktion trat auf den Plan. In einem offenen Brief fordern 180 einflussreiche Wissenschaftler aus dem Bereich der Internen Medizin und Ernährungsforschung dieses Journal auf, den Artikel von Nina Teicholz zurück zuziehen. Siehe:

https://cspinet.org/new/201511051.html

Nach einer neuerlichen Überprüfung des Inhalts hat sich das BMJ entschlossen, diesen Artikel nicht zurück zuziehen. Man steht zum Inhalt und ist bereit die Diskussion weiter zu führen.

 

Politico: Dietary Guidelines article won’t be retracted

RetractionWatch: BMJ won’t retract controversial dietary guidelines article, says author

Dunkle Wolken über der Zuckerindustrie

Kürzlich schloss sich auch das Wissenschaftsjournal YAMA (The Journal of the American Medicine Association) der Kritik an.

 

Am 12. September 2016 war zu lesen:

"Zuckerindustrie und die Forschung zu koronaren Herzkrankheiten: Eine historische Analyse  von internen Dokumenten der Industrie".

 

Die Debatte findet ganz aktuell ihre Fortsetzung in einem Artikel der Los Angeles Times vom 28. September.

 

 

Dort schreibt Nina Teicholz (Bild):

Die Zuckerindustrie ist nicht der alleinige Sündenbock. Die gesamte Kohlenhydrat-Industrie war Nutznießer.

 

 

Der Artikel von Nina Teicholz wurde von Robert Schönauer aus dem Englischen übersetzt.

 

"Big Sugar“ ist nicht allein. Viele Lebensmittelproduzenten profitierten von der Verteufelung des Fetts

von Nina Teichholz

 

Der Verbrauch von pflanzlichen Fett, das um 1900 erfunden wurde, explodierte regelrecht im Verlauf des 20. Jahrhunderts.

 

Jüngste Enthüllung beweisen, dass in den 60-er Jahren Harvard Wissenschaftler bestochen wurden um die Gefahren des Zuckers herunter zu spielen. Auf schockierende Weise zeigt sich, wie die Wissenschaft von der Lebensmittelindustrie über Jahrzehnte manipuliert wurde. Bis in die Gegenwart schenken die Massenmedien der Zuckerindustrie zu viel Vertrauen. Die ganze Wahrheit zeigt, wie Zucker einen Freibrief erhielt, während Speisefett und Cholesterin als Schuldige für Herzkrankheiten herhalten mussten. Andere Industriezweige waren genauso beteiligt, und gar nicht überraschend, viele führende Wissenschaftler des Landes.

 

Ein Artikel im Wissenschaftsjournal JAMA Internal Medicine vom 12.Sept.2016 enthüllt, wie die Zuckerindustrie Mitte der 1950-er Jahre einen Plan zur Gewinnmaximierung erarbeitete, mit der Absicht „bei führenden Ernährungswissenschaftlern“ die Vorstellung zu vermitteln, dass Nahrungsfett und Cholesterin Herzkrankheiten verursachen. Es gibt nur drei Hauptnährstoffe: Fett, Protein und Kohlenhydrate. Die Manager der Zuckerindustrie hatten erkannt, wenn man die Amerikaner zu einer fettarmen Ernährung bewegen konnte, würden sie unweigerlich mehr Kohlenhydrate essen. Klarerweise kämen dabei Cerealien anstelle von Eiern auf dem Frühstückstisch, oder Backwaren anstelle von Käse als Zwischenmalzeit. Nach ihrer Schätzung könnten sich 20 %  der Kalorien zu den Kohlenhydraten verlagern, was einen zusätzlichen Gewinn für die gesamte „Kohlenhydrat-Industrie“ bedeuten würde. Zu diesem Zweck finanzierten die Zucker-Manager die Forscher, um zu erreichen, dass diese in einem wissenschaftlichen Review (1967) die „potentiellen Gefahren des Zuckers“ verharmlosen und stattdessen die Schuld für Herzkrankheiten auf Fett und Cholesterin lenken.

 

Auf Grund von aktuellen Dokumenten und Beweisen begannen zahlreiche Kommentatoren „Big Sugar“ mit „Big Tobacco“ zu vergleichen. Immer wieder wird wissenschaftliche Arbeit unterminiert um die Nachteile von gefährlichen Produkten zu verstecken. Jawohl, die Taktik der Zuckermanager ist die selbe, die Ergebnisse aber, waren nie derart deutlich.

 

Es wäre naiv zu glauben, die Zucker-Manager allein wären an möglichen Extraprofiten durch fettarme Ernährung interessiert gewesen.

 

Zuerst müssen wir anerkennen, dass in den Jahrzehnten nach dem Harvard Review 1967, ungeachtet dieser skrupellosen Bemühungen, der Verbrauch von Zucker sank. Wie die besten verfügbaren Daten der Regierung zeigen, fiel zwischen 1970 und 2005 der Verbrauch von Rohr- und Rübenzucker um 38 %. In dieser Zeit stieg der Verbrauch von Zuckerersatzstoffen um 19 %, wobei besonders der Maissirup (HFCS) alles übertroffen hat.

 

Wie vorhergesagt, profitierte die gesamte „Kohlenhydrat-Industrie“ von der Dämonisierung des Fetts. Der Verbrauch von Mehl und Getreideprodukten stieg um 41 %, einschließlich einer Steigerung von Produkten aus Mais um 183 %. Im Großen und Ganzen kann man sagen, die Amerikaner reduzierten von 1965 bis 2011  ihren Verbrauch an Fett um 25 % und steigerten den Verzehr von Kohlenhydraten um mehr als 30 %.

 

Der Artikel in JAMA Internal Medicine bietet Einblicke in die verlockenden Perspektiven der Zucker-Manager, die  diesen Wandel betrieben. Aber es wäre naiv zu glauben, sie allein wären die Nutznießer  von Gewinnen aus dieser fettarmen Ernährungsweise. Beim Durchstöbern der Unterlagen der Mais- oder Weizenindustrie tauchten Briefe mit ähnlichem strategischem Denken auf. Tatsächlich haben sich bereits 1941 Quaker Oats, General Foods, Americn Biscuit Company und andere zusammengeschlossen um die „Nutrition Foundation“ (Ernährungs-Stiftung) zu gründen, die jährlich Millionen Beträge für Wissenschaftler und Forschungsprojekte bereitstellte, sehr wahrscheinlich im Interesse Ihrer Produkte. Jedermann konnte verfolgen, wohin die Verlagerung zur fettarmen Ernährung wirtschaftlich führt: Wenn Fett zurückgeht, gehen die Kohlenhydrate in die Höhe. Es war eine einfache Idee.

 

Noch ein wichtiger Hinweis: Mit dem Beginn der Ernährungsempfehlungen der American Heart Association (AHA) ab dem Jahr 1961 wurde nicht das gesamte Fett verteufelt, sondern nur das gesättigte Fett. Anstelle von gesättigtem Fett, wie Butter oder Schmalz, wurde den Amerikanern geraten, pflanzliche Öle, z.B. Margarine, zum Essen und Kochen verwenden. Der Verbrauch von pflanzlichen Ölen, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, explodierte im Verlauf dieses Jahrhunderts. In den Jahrzehnten, in denen die Süßungsmittel um 19 % zunahmen, sprang der Verkauf von pflanzlichen Ölen dramatisch um 91 % an. 

 

Auch die Hersteller von pflanzlichen Ölen setzten Taktiken von „Big Tobacco“ ein, um die Wissenschaft zu beeinflussen. Wesson Oil investierte über seinen Wesson Found  in medizinische Forschung, wie beispielsweise Geschenke an den Kardiologen Jeremiah Stamler aus Chicago, den Autor der ersten Ernährungsempfehlungen der American Heart Assoziation( AHA), die gesättigte Fette verurteilten. Stamler profitierte auch von der Großzügigkeit der Corn Products Co., die einen Band von Stamlers „Ernährungsbuch für Pflanzenöle“ veröffentlichte, gebunden in rotem Leder (einschließlich Inseraten für Mais Öl auf der Rückseite). Das Buch wurde an Tausende Ärzte verschenkt. Die Corn Products Co. und andere Größen am Markt für pflanzliche Fette, wie Anderson, Clayton & Co, überließen  ihre Produkte auch Forschern des „National Institut of Health“ in der Erwartung von Studien, die mögliche gesundheitliche Vorteile beweisen. Bei Durchsicht alter Dokumente aus meiner eigenen Forschungstätigkeit fand ich einige aufschlussreiche Briefe, unter anderem einen des Biochemikers Fred Kummerow aus dem Jahr 1969. Dieser hat den damaligen medizinischen Direktor der AHA beschuldigt, in einem Film für Bildungszwecke mit einer Flasche Crisco Öl zu posieren. „Das ist reiner Kommerz“, schrieb Kummerow dazu.

 

Genau hier ist der Hund begraben: Wir können davon ausgehen, dass mit Geldern der Industrie die Köpfe der Wissenschaftler gekauft wurden. Kein Zweifel, es gibt immer Einflussnahmen,  aber Wissenschaftler müssen ihren eigenen Anspruch auf Evidenz bewahren. Korruption darf nicht zur Norm werden.

 

Ab 1950 glaubten viele Wissenschaftler tatsächlich daran, dass gesättigtes Fett und Cholesterin die vorrangige Ursache für Herzkrankheiten sei. Der Ernährungswissenschaftler D. Mark Hegsted, einer der Autoren des Harvard Review 1967, galt als leidenschaftlicher Vertreter dieser Ansicht. Er schrieb zahlreiche Artikel über Fett als Ursache von Herzkrankheiten, und das schon Jahre bevor er jemals Forschungsgelder der Zuckerindustrie erhalten hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass ihn das Zuckergeld beeinflusste. Später arbeitete er beim U.S. Landwirtschaftsministerium an der ersten Fassung der Ernährungsempfehlungen, die auch Grenzwerte enthielten, sowohl für Fett als auch für Zucker.

 

Derzeit erleben wir eine anti-Zucker Bewegung. Zucker ist zweifellos schlecht für die Gesundheit. Während in 50 Jahren Fettleibigkeit und Diabetes in die Höhe schossen, erfolgte eine Verschiebung der amerikanischen Ernährung  in erster Linie weg vom Fett, hin zu Kohlenhydraten, sowie von gesättigtem Fett zu pflanzlichen Ölen. Diese Industriezweige manipulierten auch die Ernährungswissenschaften. Ihre Produkte müssen auch als mögliche Schuldige für unsere derzeitige schlechte Gesundheit in Betracht gezogen werden. Wir müssen aufpassen, dass wir dieVerantwortlichen dieser Geschichte nicht zu einseitig verteilen.

 

Es gibt noch eine Menge schlechter Wissenschaft auf der Gebiet der Ernährung – und vieles riecht noch nach „Big Tobacco“.

 

Nina Teichholz ist Wissenschaftsjournalistin und Autorin des Buches

„The Big Fat Surprise“.

 

THE BIG FAT SURPRISE
Why Butter, Meat & Cheese Belong in a Healthy Diet

 

Die investigative Journalistin Nina Teicholz enthüllt das Undenkbare: alles was wir über Fett in unserer Ernährung zu wissen glaubten, ist falsch. Sie dokumentiert, wie in den vergangenen 60 Jahren mit fettarmen Ernährungsempfehlungen ein unkontrollierbares Experiment an der gesamten Bevölkerung stattfand, mit verheerenden Konsequenzen für unsere Gesundheit.

 

Jahrzehntelang wurde uns gesagt, dass die beste Ernährung im Verringern von Fett bestünde, besonders von gesättigtem Fett. Wenn wir nicht gesünder werden oder schlanker, muss es daran liegen, dass wir uns nicht hart genug anstrengen. Was ist aber, wenn die fettarme Kost selbst schon das Problem ist? Was, wenn genau jene Lebensmittel, auf die wir verzichtet hatten – fetter Käse, brutzelnde Steaks – selbst die Schlüssel zur Umkehrung der Epidemien von Dickleibigkeit, Diabetes und Herzkrankheiten sind?

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