Diabetesexperte: Ärzte müssen bei gesättigten Fetten umdenken!

 Im Online Nachrichtendienst Medscape informiert Prof. Dr. Stephan Martin seine Kollegen über eine brandaktuelle Studie zum Thema Nahrungsfette. Dabei schildert er, wie in einer bisher für unantastbar gehaltenen Studie solange geschwindelt wurde, bis die erwünschten Ergebnisse vorhanden waren. Die Auswertung aller Datensätze zeigt : Pflanzenfette statt tierische Fette senkten zwar das Cholesterin, erhöhten aber die Sterblichkeit.

 

Prof. Dr. Stephan Martin ist ein über die Grenzen Deutschlands bekannter Stoffwechselexperte. Er ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ). Prof. Dr. med. Stephan Martin wurde in Folge vom Nachrichtenmagazin FOCUS als Topmediziner 2015 ausgezeichnet.

Ist Cholesterin senken überhaupt gesund oder sogar schädlich? War die Fettangst nicht nur umsonst sondern auch gefährlich? Wie sollen Ärzte im Angesicht neuer Studien auf Fragen der Patienten reagieren? Dr. Stephan Martin versucht seinen Kollegen die Wende zu erklären.

 

Das gesamte Video ist hier auf Medscape zu sehen. Allerdings nur nach Registrierung.

Abschrift des Videos von Robert Schönauer

 

"Liebe Kollegen und Kolleginnen,

 

in den letzten Tagen hat es viele Presse Mitteilungen gegeben zu einem Thema, dem Nahrungscholesterin. Hintergrund ist eine Presse Mitteilung auf Grund einer Publikation im MBJ (British Medical Journal) die ein ganz altes Experiment, ja eine ganz alte Studie aus dem Jahr 1963 noch mal analysiert hat. Diese Studie, das war das s.g. Minnesota Coronary Experiment – man darf heute gar nicht mehr darüber reden, wie die damals durchgeführt wurde – man hat dort in Altersheimen oder psychiatrischen Kliniken die Teilnehmer ohne dass sie es wussten einfach randomisiert.

 

Die eine Gruppe bekam ganz normale ungesättigte Fettsäuren und die andere Gruppe bekam gesättigte Fettsäuren. Die gesättigten Fettsäuren bestanden aus der ganz normalen Ernährung, das waren halt tierische Produkte. Die ungesättigten Fettsäuren, da hat man die Nahrung mit Linolensäure, also mit Maisfett angereichert, mit Margarine aber auch Öl. Diese Experimente wurden auch in den 70-Jahren publiziert und es konnte gezeigt werden, wenn man die gesättigten Fettsäuren durch ungesättigte Fettsäuren verändert (ersetzt), kommt es zu einem deutlichen signifikant beachtlichen prozentuellen Abfall von Cholesterin. Damals war man der Meinung, dass Nahrungscholesterin eine große Auswirkung auf die Herzinfarktrate hat.

 

Was man damals aber nicht gemacht hat, man weiß nicht so genau warum, vermutlich wurden die Daten , weil man mit den Ergebnissen nicht so ganz zufrieden war, zurückgehalten. Man hat diese Leute auch nachverfolgt und die Ergebnisse sind nun publiziert worden. Man hat von dieser ursprünglichen Kohorte von 9000 Personen, die randomisiert waren, jetzt noch die Datensätze von 2 300 Personen und zum Teil noch die Daten von Autopsien gefunden, hat sie aus den Schubladen wieder herausgenommen, hat sie analysiert. Und obwohl in der Gruppe mit den ungesättigten Fettsäuren der Cholesterinwert abgesunken war, war in dieser Gruppe eine höhere Sterblichkeit durch ca. 22 % Kreislauferkrankungen. Auch an den Autopsien konnte man keinen großen Unterschied in den beiden großen Gruppen feststellen. Es war nicht diese Theorie, je niedriger das Cholesterin umso weniger Herzinfarkte.

 

Diese Daten sind ziemlich ….. machen Furore, weil keiner jetzt genau weiß, was er mit diesen Daten machen soll. Zum einen handelt es sich hier um Wissenschaftsbetrug, weil die Wissenschaftler, was ihnen einfach nicht in den Kram passte, in der Schublade haben verschwinden lassen. Die Daten stehen nicht so ganz alleine. Denn es gab auch noch eine australische Studie, die ist vor zwei oder drei Jahren publiziert worden, die kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

 

Auf der anderen Seite haben wir die tollen Ergebnisse, wenn wir Cholesterin durch Medikamente, durch Statine oder auch durch Ezetrol reduzieren, dass wir dann wirklich eine verringerte Rate an Herzkreislauferkrankungen haben. Passt das zusammen? Im Moment kann man nur sagen, nicht so ganz. Die Statindaten sind alle aus randomisierten klinischen Studien, die können wir sicherlich glauben. Und bei Statinen kann man wohl sagen, dass keiner großes Interesse hat, sind ja alles Generika. Die Daten die wir da haben, von den ganzen Studien sind einfach brillant.

 

Also, für mich persönlich nutze ich in der Klinik ganz normal weiter die Reduktion des Cholesterin mit Statin, aber die Empfehlung den Patienten zu sagen, die Patienten sollten die Nahrung umstellen, zu sagen sie sollten gesättigte Fettsäuren durch ungesättigte ersetzen, da müssen wir ein großes Fragezeichen hinterher machen.

 

Es wird natürlich auch diskutiert, hängt es möglicherweise an dem Maisöl,  ist die Linolensäure möglicherweise schädlich,  auch in Kombination mit Rauchen. Aber wir haben keine anderen Daten. Also, Margarine ist sicher nicht das, was wir unseren Patienten empfehlen sollten.  Ich persönlich bin dazu übergegangen, den Patienten zu sagen, achten Sie etwa gar nicht auf ihre Fette und wenn Sie tierische Fette zu sich nehmen und sie schaffen es, diese durch gute Fette zu ersetzen, dann steht dabei Olivenöl ganz im Vordergrund. Denn dazu haben wir eine große Studie, die PREDIMED Studie, aus Spanien. Olivenöl kann man sicherlich unbedenklich nehmen. Wahrscheinlich wird Rapsöl auch so ähnlich sein. Das heißt, wenn ich gesättigte Fette durch diese Öle ersetze, tue ich was Gutes. Wenn ich aber die gesättigten Fettsäuren durch etwas anderes ersetze, beispielsweise durch Kohlenhydrate, dann tue ich dem Patienten sicherlich nichts Gutes. Also sehr sehr viel Umdenken, gerade in der Praxis, weg von dieser Empfehlung, „lassen sie die tierischen Fette weg“, sagen Sie lieber gar nichts dazu. Denn die wissenschaftliche Lage ist nicht so eindeutig, wie wir das vielleicht in der Vergangenheit immer gehört und vielleicht auch gesagt haben.

 

Alles Gute Ihr Stephan Martin."

 

REFERENZEN:

1. Ramsden CE, et al: BMJ. 19. Februar 2016

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